Neue Wege in der Ergotherapie – ressourcenorientiertes Vorgehen / Arbeiten Würzburg

Neue Wege in der Ergotherapie – ressourcenorientiertes Vorgehen / Arbeiten Würzburg

Ein Fall, wie wir viele aus der ergotherapeutischen Praxis kennen: Herr G. (Name geändert) kommt im Alter von vierzig Jahren mit der Diagnose cerebrales Angiom (links hochparietal, Z. n. Radiation, keine latenten oder manifesten Paresen, bei allgemeiner Kraft-minderung, leichte Wortfindungsstörungen, unsichere, verzögerte und bisweilen umständli¬che Ausdrucksweise, Defizite im Konzentrations- und Aufmerksamkeitsbereich, im Gedan-kengang verlangsamt) in meine Praxis. Er wurde verrentet, da er seinen Beruf als Elektroni-ker nicht mehr ausführen kann. Im Erstkontakt wirkt er unsicher, aggressiv und schnell ge-reizt. Es fällt ihm schwer, dem Gesprächsfaden zu folgen. Viele meiner Fragen wertet er als Angriff. Herr G. ist in Begleitung seiner Ehefrau in meine Praxis gekommen und macht mir deutlich, dass er keine Probleme habe und nur deshalb gekommen sei, um seiner Frau und seinem Hausarzt einen Gefallen zu tun und um wieder Auto fahren zu lernen. In Bezug auf andere Themen scheint Herr G. offensichtlich nicht therapiemotiviert zu sein. Den Auftrag Wiedererlangung des Führerscheins lehne ich klar ab, das ist eine Aufgabe für die Neuropsychologie, da mir keine geeigneten Testverfahren und Programme zu diesem Thema zur Verfügung stehen. Herr G. berichtet von einer Odyssee verschiedenster Reha-Maßnahmen, die für ihn subjektiv, alle nichts gebracht haben. Schnell ist für mich klar: Dies wird kein einfacher Fall!

Aber so schnell gebe ich nicht auf, denn meine langjährige Erfahrung als Ergotherapeutin und systemische Familienberaterin hat mich gelehrt, dass es kaum wirklich unmotivierte Patienten gibt. Das Problem der Therapieresistenz liegt eher an festgefahrenen Konzepten, die nicht an den jeweiligen Patienten angepasst wurden und oder dessen Überforderung.

Da bereits mehrere Kollegen ohne entscheidenden Durchbruch am Problem des Patienten gearbeitet haben, entscheide ich mich bei Herrn G. für einen neuen Weg: Ich werde mich in meiner Therapie nicht auf sei¬ne Defizite und Probleme fokussieren, sondern versuchen, seine Ressourcen frei zu legen. Die Suche nach Ressourcen bringt den Erfolg Ich starte einen Versuch: In unserer nächsten Sitzung gehe ich nicht weiter auf die Krank-heitssymptome von Herrn G. ein, sondern stelle ihm gezielte Fragen um mehr über ihn, seine Hobbys und Gewohnheiten zu erfahren. Schnell stellt sich heraus, dass er sich er intensiv mit Sodoku beschäftigt. Da ich selbst schon lange daran interessiert bin, einmal mehr darüber zu erfahren, bitte ich ihn da¬rum, mir in unserer nächsten Therapiestunde einmal näher zu erklären, wie Sodoku funktio¬niert. Beim Wiedersehen erlebe ich eine Überraschung: Herr G. hat eine detaillierte schriftli¬che „Gebrauchsanweisung für Sodoku“ erarbeitet, in der er Schritt für Schritt das Vorgehen erklärt. Nun ist mir klar, Herr G. ist perfekt im Dokumentieren von Sachverhalten. Es ist eine seiner großen Ressourcen.

Diese will ich nutzen, um ihn zu motivieren, auch an seinen Pro¬blemen Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Perseveration, Probleme in der Handlungsplanung zu arbeiten. Die Idee zu einem „Kochbuch für außergewöhnliche Situationen“ wird geboren Nach längerer Überlegung kommt mir die Idee, den Handlungsstrang „Kochpraxis“, den ich bereits in einer anderen Therapie eingesetzt habe, in veränderter Form auch für Herrn G. zu nutzen. In einer anderen bereits durchgeführten Therapie hatte ich Kochrezepte in einer auf die Bedürf¬nisse des Patienten (Gedächtnisstörung, mangelnde parallele Reizverarbeitung, Dyspraxie) ausgerichteten Form umgeschrieben. So waren viele Rezepte entstanden, die aber nur in ungeordneter Form vorlagen. Ich machte Herrn G. den Vorschlag, sich bis nach meinem Urlaub zu überlegen, ob er sich vorstellen könne, aus diesem Sammelsurium ein Kochbuch mit genauen Arbeitsanleitungen für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen, die Probleme mit dem Gedächtnis und der Handlungsplanung haben, zu entwickeln. Der Patient „beißt“ an Am Morgen nach meinem Urlaub klingelt wenige Minuten nachdem ich die Praxis betreten habe, das Telefon. Herr G. ruft an und teilt mir mit, dass er das Kochbuch machen wolle und auch noch ein neues Rezept besorgt habe. Dann beginnt die Arbeit. Material muss sortiert und in WORD eingegeben werden.

Dieser Prozess gestaltete sich zunächst schwierig, da Herr G. auch basale Anwendungen des Text-verarbeitungsprogrammes vergessen hatte. Um hierfür erneut Lernprozesse in Gang zu set-zen, musste er grundlegende Strategien der Gedächtnisbewältigung und -strategien neu ent-wickeln (z. B. wo und wie speichere ich Inhalte ab; welcher Befehl wird wie genutzt; Erken-nen, dass auch die häufige Wiederholung einer erfolglosen Strategie kein Ergebnis bringt, sondern nur viel Zeit kostet (Beenden der Perseveration); Ausprobieren von kreativen Lösungskonzepten (Lösungen planen, durchführen und speichern); Gesprächsfaden beibe-halten (Lösungsvorschläge hören, diskutieren und annehmen oder verwerfen). Insgesamt dauerte es zwei Jahre, bei einer Therapiesitzung pro Woche, bis das „Kochbuch für außer-gewöhnliche Situationen“ fertig war. Dabei verbesserten sich die Gedächtnisleistungen von Herrn G. sukzessive. Der Erfolg ist erstaunlich Heute kann Herr G. vielseitige Gedächtnisstrategien nutzen, seine Gedächtnisleistung hat sich dadurch sehr stark verbessert. Er ist wieder in der Lage einem Gesprächsfaden länger zu folgen. Darüber hinaus kann er seine Probleme jetzt erkennen, benennen und zu ihnen stehen, was ihm zu Beginn der Therapie nicht möglich war. Auch perseriert er kaum noch. Herr G. schildert in einem sogenannten Befindlichkeitsbogen, dass sich sein Wohlbefinden deutlich verbessert habe. Auch seine Persönlichkeit hat sich durch die Therapie sehr vorteilhaft verändert. So hat er seinen exzellenten Humor wieder gewonnen, ist positiv gestimmt und von seinen ehemaligen Aggressionen ist nichts mehr zu spüren. Er beteiligt sich wieder an der Haus- und Gartenar-beit und war zum ersten Mal seit Jahren wieder mit seiner Frau im Urlaub. Und er hat – was am erstaunlichsten ist – seinen Führerschein wieder erlangt. Fazit Dieses Fallbeispiel zeigt, dass auch wenn es manchmal am Anfang so aussieht, als sei ein Patient nicht motiviert und es schwer ist, einen Kontakt zu ihm aufzubauen, es doch verbor-gene Kraftquellen und Ressourcen gibt, die die Therapie weiter bringen. Mir ist durch meine langjährigen Erfahrungen klar geworden, es lohnt sich auf die Suche nach ihnen zu gehen und führt zu teilweise erstaunlichen Erfolgen. Auch erscheint es mir notwendig, dass Therapeut und Patient sich die Zeit nehmen nach Ressourcen und Wünschen zu suchen. So entsteht ein tiefes Verständnis mit Respekt und Achtung füreinander. Übrigens: Das „Kochbuch für besondere Situationen“ wird über die Ergotherapiepraxis Doris Endres-Schmitt zum Selbstkostenpreis vertrieben. Bestellungen können Sie per Telefon (0931) 452 34 88 oder per Email info@ergo-endres.de aufgeben. Zeichen 5.651 o. L. D. Endres-Schmitt